BLOG_5 #questioningoneself

20.06.2016 – auf dem Balkon von Freunden in Ober Ramstadt

 

#questionsoneself #fearofmessingitup or #productiveselfreflexioncapability oder ganz einfach: #Angeblichverbindetuns(nur)dieindividuelleAngstdavoesnichthinzukriegen

 

Ich lese gerade das Jahrbuch 2015 von Theater heute. „Konsens Kultur“ ziert das Titelbild und verspricht interessant und zeitkritisch zu werden. Und tatsächlich, im Artikel „Der Kitt der Gesellschaft“, finde ich mich wieder einmal mitten im Zeit-Diskurs wieder. Das Thema Arbeit scheint hier zwar mehr eine Begleiterscheinung zu sein, liefert mir aber genug Material zu dem folgenden – etwas verschachtelteren Gedankengang:

 

Im Gespräch mit Eva Berenth und Franz Wille (Theater Heute Jahrbuch 2015 „Konsens Kultur“, Berlin: Der Theaterverlag, 2015) sagt Heinz Bude: „Danach dominiert ein Milieu der Angst, in dem man sieht, wo man bleibt. Das ist das Gemeinsame.“ – Wie Danach? Wonach?

Nach den Jahrgängen 1964, sagt Heinz Bude. Bis Dato, also vor allem die Babyboom-Generation betreffend, herrschte so Bude eine anderer Art der Gemeinsamkeit. Das Gefühl, „davongekommen zu sein.“. Das Schlimmste – den Krieg und Völkermord – überstanden zu haben und nun alle in einem Boot zu sitzen. Dem Boot der Nachkriegszeit, einem Boot, dass so Bude im Hafen des Gesellschaftswandelns und damit gleichzeitig im Höhepunkt und Ende der Babyboom-Generation angekommen ist. Danach verbindet uns die Angst. Und diese Angst, so Bude, stammt nicht zuletzt aus den sogenannten „Winner-Take-All-Märkten“ – also einer Arbeitswelt, in der es heißt: „Der Gewinner kann alles verlangen, und der Rest muss sich mit dem Rest begnügen.“ (Bude 2015) Weil in dieser Umgebung das Bakterium des Selbstzweifels und dem Wissen, dass der Erfolg auch ausbleiben kann, viel Nahrung bekommt, entsteht, so Bude das „Milieu der Angst“.

Keime stecken in den Fragen, die auch ich mir (meist täglich und mit sehr unterschiedlichen und teils widersprüchlichen Antwortmöglichkeiten) stelle: „Habe ich einen guten Job? Habe ich glückliche Kinder? Führe ich noch ein innerlich einigermaßen ausgeglichenes Leben?“ (Bude 2015) Bin ich produktiv oder nicht? Woher weiß ich, dass ich die richtigen Entscheidungen treffe um erfolgreich zu sein? Bin ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort? Werde ich den Anschluss verpassen? Kann ich meinen eigenen Ideen vertrauen? Lebe ich gesund? Nachhaltig? Sind meine Beziehungen gut für mich? Werden sie halten? Gehe ich die richtigen Risiken ein? Ist mein Leben sicher? Könnte ich heute zufrieden diese Welt verlassen? Werde ich etwas vererben? Trage ich zur Veränderung bei? Bin ich kreativ? Effizient? Bin ich erfolgreich?

Bude beschreibt wie gesagt einen Unterschied im „Kitt der Gesellschaft“ der Babyboom-Generation zu allen folgenden Generationen, also der Genration Golf, Praktikum, Vakuum und Alpha, der Genration X, Y, Z, den Millenials, Digital Natives oder Digital Immigrants, der Generation Facebook, Ecstacy, C64, Erfolg, Maybe, Laminat, Pleite, MTV, Geil, Dumm, Null-Bock und Beziehungsunfähig.

Diese eint nun, so Bude, die (generationsübergreifende) Angst. ? Meiner Meinung nach sollte die ständige (Selbst-)Reflexion und Selbstbefragung nicht nur als Angst tituliert werden! Angst lässt es klingen, als ob wir starr und bewegungsunfähig unter einem Berg aus Zweifel und Unzufriedenheit begraben liegen und uns in dieser Gemeinsamkeit doch nur wieder vereinzeln können. Ein Bild des Prekarisierungsdiskurses, den wir, dachte ich schon hinter uns gelassen hätten mit Oliver Marchart und Co. Denn in der Gemeinsamkeit, der Fülle an Möglichkeiten, den eigenen Handlungschancen, die durch die Eigenverantwortung und Selbst-Regierung des postfordistischen Zeitalters zutage treten und in der Art und Weise einander in den Sorgen ähnlich zusein, steckt doch ein positives Potential fern von lähmender Angst. Wir – WIR ALLE – so lautet auch die These von workforceproductions sind prekär. Dies birgt, frei nach Oliver Marchart, eine Chance der Emanzipation – angesichts unausweichlich scheinender Systeme von Verwertungslogiken und Effizienzimperativ – zu gegenhegemonialen Bewegungen. Lasst uns lieber davon reden als von der Angst? Oder?

Der Kitt der Gesellschaft ist – hoffe ich etwas idealistisch – Die Kunst (in) Frage(n) zu stellen.

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